Die Kriegsrisikoprämie (War Risk Premium) ist der Zuschlag, den ein Schiff für die Einfahrt in ein als Kriegsgebiet eingestuftes Seegebiet zahlt — berechnet als Prozentsatz des Rumpfwerts pro Fahrt. In ruhigen Zeiten liegt sie bei rund 0,25 %. Im Juli 2026 sprang sie auf 3 bis 10 %. Für einen 100-Mio.-Dollar-Tanker bedeutet das 3 bis 10 Mio. Dollar — pro einzelner Fahrt. Sie ist der ehrlichste verfügbare Preis für geopolitisches Risiko, weil hier echtes Geld gegen echtes Risiko gestellt wird.
Wer wissen will, wie ernst ein geopolitischer Konflikt für den Seehandel wirklich ist, sollte nicht die Schlagzeilen lesen, sondern die Versicherungsprämien. Dort wird das Risiko nicht kommentiert, sondern bepreist — von Leuten, die im Irrtumsfall selbst zahlen.
Die Kriegsrisikoversicherung ist von der normalen Kaskoversicherung getrennt. Sobald ein Versichererkomitee ein Seegebiet als Listed Area einstuft, wird für jede Einfahrt ein gesonderter Zuschlag fällig. Bemessungsgrundlage ist der Rumpfwert, nicht die Ladung:
Entscheidend ist das Wort pro Fahrt. Es handelt sich nicht um eine Jahresprämie, die sich verteilt, sondern um Kosten, die bei jeder einzelnen Durchfahrt erneut anfallen. Deshalb schlägt eine Verzehnfachung des Satzes sofort auf die Routenentscheidung durch.
| Marktlage | Prämiensatz (% Rumpfwert) | Kosten je Fahrt bei 100 Mio. $ Schiffswert |
|---|---|---|
| Ruhiges Umfeld | ca. 0,25 % | rund 250.000 $ |
| Erhöhte Spannung | ca. 1 % | rund 1 Mio. $ |
| Juli 2026 (Hormus/Bab al-Mandeb) | 3 bis 10 % | 3 bis 10 Mio. $ |
FAKT: Die Werte für Juli 2026 beziehen sich auf die Eskalation an Hormus und Bab al-Mandeb; der Vergleichswert von rund 0,25 % beschreibt das Niveau vor der Eskalation. Details und Quellen in der Chokepoint-Analyse.
Ein verbreitetes Missverständnis: Die Prämie sei eine Belastung für den Reeder. In der Praxis trägt sie in aller Regel der Befrachter, entweder über eine Kriegsrisikoklausel im Chartervertrag oder über die Rate selbst. Für den Reeder ist sie damit kein Kostenblock, sondern ein Preistreiber:
THESE: Die Kriegsrisikoprämie ist der beste verfügbare Frühindikator für die Haltbarkeit einer Shipping-These. Sie fällt bei Deeskalation, bevor die Frachtraten fallen, und bevor irgendein Quartalsbericht das zeigt. Wer eine zyklische Tanker-Position hält, sollte sie öfter anschauen als den Aktienkurs.
Drei Einschränkungen, die man kennen muss:
Zusammen mit den Transitzahlen lesen. Prämie hoch und Transitzahlen niedrig = die Störung ist real. Prämie hoch, aber Transitzahlen erholen sich = der Markt preist ein Risiko, das operativ schon nachlässt.
Als Ausstiegssignal ernst nehmen. Ein deutlicher Rückgang der Prämie bei gleichzeitig steigenden Transits war historisch das verlässlichste Zeichen, dass die Ratenspitze hinter einem liegt.
Nicht als Bewertungsgrundlage verwenden. Die Prämie sagt etwas über die nächsten Wochen, nichts über den fairen Wert eines Reeders. Dafür braucht es Flottenalter, Vertragsstruktur und Bilanz.
Wie sich das in eine Sektorentscheidung übersetzt — wer profitiert, wer draufzahlt — steht im Hub Geopolitik & Hard Assets. Verwandt: Ton-Meilen-Nachfrage und Chokepoint.