Sell in May and go away – Mythos oder Signal?

Veröffentlicht: 02.06.2026  ·  Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Alle Inhalte dienen ausschließlich der Information und persönlichen Einordnung. Keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.

📌 Kurzfassung: Der Saisonalitäts-Effekt ist real und akademisch belegt — aber trotzdem kein Grund zum Verkaufen. Buy-and-Hold schlägt Sell-in-May langfristig. Wer Qualität mit laufender Dividende hält, wirft sie nicht wegen des Kalenders raus. Was „go away" für Dividenden-Investoren wirklich bedeutet: Pulver trocken halten, nicht blind nachkaufen.

Jedes Jahr im Mai taucht sie wieder auf, diese alte Börsenweisheit. „Sell in May and go away" — gemeint ist: Aktien verkaufen, den Sommer aussitzen und erst im Herbst wieder einsteigen. Klingt nach einem alten Hut. Aber dahinter steckt tatsächlich mehr als Folklore.

Schauen wir uns die Datenlage an — und dann meine eigene Einordnung dazu.

1. Der Saisonalitäts-Effekt — FAKT, keine Legende

Bouman & Jacobsen haben 2001 im American Economic Review nachgewiesen: In 36 von 37 untersuchten Märkten (Zeitraum 1973–1998) waren die Renditen von November bis April statistisch deutlich höher als von Mai bis Oktober — und das nach Transaktionskosten. Das nennt sich der Halloween-Indikator, weil der Winter-Zyklus ungefähr am 31. Oktober beginnt.

Eine Folgestudie von Jacobsen & Zhang (108 Märkte, 323 Jahre, 62.962 Monats-Beobachtungen) hat das Ergebnis nochmals untermauert: Winter-Renditen (November bis April) lagen im Schnitt 4,2 Prozentpunkte höher als Sommer-Renditen (Mai bis Oktober). Das ist statistisch robust — über Jahrhunderte, über praktisch alle Märkte.

💡 FAKT (2 Quellen, verifiziert): Der Saisonalitäts-Effekt ist real. Er ist seit Jahrhunderten dokumentiert. Er tritt in fast allen Märkten auf. Das ist kein Zufall und kein Rauschen.
36/37 Märkte mit höheren Winter-Renditen (Bouman & Jacobsen 2001)
108 Untersuchte Märkte (Jacobsen & Zhang, Folgestudie)
+4,2 %p Mehr Rendite Nov–Apr vs. Mai–Okt (Durchschnitt)

Warum existiert dieser Effekt? Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze: institutionelle Investoren fahren ihre Risikopositionen im Sommer zurück, Urlaubssaison dämpft das Handelsvolumen, saisonale Gewinnmitnahmen nach dem Jahresauftakt. Keine einzelne Ursache ist vollständig bewiesen — aber der Effekt selbst ist es.

2. Trotzdem: Verkaufen schlägt Buy-and-Hold nicht

Hier kommt der Haken. Ja, der Winter schlägt den Sommer statistisch. Aber deswegen zu verkaufen ist trotzdem der schlechtere Deal.

Seit 1950 erzielte Buy-and-Hold im S&P 500 rund 8,05% p.a. (CAGR). Wer stattdessen konsequent jeden Mai verkauft und im November wieder einsteigt, kam auf 6,86% p.a. (Quelle: IncomeShares). Das klingt nach einem kleinen Unterschied — über 30, 40 Jahre ist das ein massiver Kapitalunterschied.

Und es gibt noch einen zweiten Datenpunkt, der die Strategie entzaubert: In den letzten 50 Jahren war der Sommer (Mai bis Oktober) in 38 von 50 Jahren positiv, mit einem Durchschnitt von +4,25% (Quelle: FundCalibre). Sell in May hätte also in 38 von 50 Fällen nichts gebracht — außer Transaktionskosten, Steuern auf Kursgewinne und verpassten Dividenden.

Was die Zahlen sagen:

2025 war ein gutes Beispiel: Der Sommer lief stark, besonders Rohstoffe und Edelmetalle. Wer im Mai verkauft hatte, schaute zu.

3. Warum „go away" trotzdem ein nützliches Signal ist

Jetzt kommt meine persönliche Einordnung — das ist meine These, kein Fakt.

Mein Take: Der Fehler liegt nicht im Saisonalitäts-Effekt selbst, sondern in der falschen Schlussfolgerung daraus. „Go away" heißt nicht, panisch alles zu verkaufen. Es bedeutet für mich: Disziplin beim Nachkaufen.

Ich halte Qualitätsunternehmen mit laufender Dividende — Shipping, Mining, Energie, Pipelines. Die schmeißt man nicht wegen eines Kalenderspruchs raus. Allein die Steuerlast beim Verkauf von Kursgewinnen frisst einen Großteil des Sommer-Absicherungseffekts auf. Dazu kommt: Die besten Tage des Jahres liegen oft im Sommer. Wer sie verpasst, bezahlt das langfristig.

🎯 Meine These (persönliche Meinung, kein Fakt):
„Go away" bedeutet für mich: Bei bereits stark gelaufenen Preisen nicht mehr blind nachkaufen. Etwas Cash zur Seite legen. Antizyklisch bereit sein, wenn der Markt im Sommer schwächelt. Disziplin und Bewertung schlagen Kalender-Timing — immer. Ein Qualitätstitel mit 7–9% Dividendenrendite, der jeden Monat zahlt, ist kein Verkaufskandidat, nur weil der Kalender auf Mai zeigt.

Konkret: Wenn ein Titel, den ich schon halte, nach einem starken Frühjahr stark gelaufen ist und sich das Risiko/Rendite-Verhältnis verschlechtert hat — dann reduziere ich neue Käufe. Ich kaufe nicht mehr blind nach. Nicht wegen des Kalenders, sondern wegen der Bewertung. Der Sommer ist der natürliche Zeitpunkt, um das zu überprüfen.

4. Die Hard-Assets-Perspektive: Warum Saisonalität für Dividenden-Investoren anders wirkt

Klassische Dividendenaktien aus Rohstoffen, Shipping oder Energie haben eigene saisonale Muster, die sich vom breiten Markt unterscheiden. Tanker-Raten laufen im Winter oft höher (Heizöl-Nachfrage, Wetterverhältnisse). Mining-Aktien hängen stärker an Rohstoffzyklen als an Kalender-Mustern. LNG-Nachfrage hat eigene Saisonalität.

Das heißt: Wer ausschließlich Hard Assets und Dividenden-Zahler hält, hat keine homogene Sommer-Schwäche wie ein breiter Index-Investor. Die akademischen Daten gelten für den breiten Markt — nicht 1:1 für ein konzentriertes Depot mit Shipping, Mining und Upstream-Energie.

5. Was bleibt: Saisonalität als Checkliste, nicht als Regel

Saisonalitäts-Effekt real?✅ Ja — akademisch belegt (2001, 323-Jahre-Studie)
Sell in May schlägt Buy-and-Hold?❌ Nein — 8,05% vs. 6,86% p.a. langfristig
Sommer meist positiv?✅ Ja — 38 von 50 Jahren positiv, Schnitt +4,25%
Richtige Reaktion für Dividenden-Investor?🎯 Cash aufbauen, weniger nachkaufen, antizyklisch bereit sein
Qualitätstitel verkaufen?❌ Nein — Steuern + verpasste Dividenden + beste Tage-Risiko

„Sell in May and go away" ist keine dumme Weisheit — sie hat einen realen statistischen Kern. Aber die falsche Schlussfolgerung, nämlich alles zu verkaufen und cash zu sitzen, kostet langfristig Rendite. Die richtige Schlussfolgerung: Im Sommer genauer hinschauen, weniger aggressiv nachkaufen, Bewertungen kritischer prüfen.

⚠️ Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine Anlageberatung, Anlageempfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Alle Angaben ohne Gewähr.

Häufige Fragen zu Sell in May

Ist Sell in May and go away wissenschaftlich belegt?

Ja. Bouman & Jacobsen (American Economic Review, 2001) fanden in 36 von 37 untersuchten Märkten (1973–1998) höhere Renditen im Winter-Halbjahr (November–April). Eine Folgestudie über 108 Märkte und 323 Jahre bestätigt den Effekt: Winter-Renditen lagen im Schnitt 4,2 Prozentpunkte über den Sommer-Renditen.

Verdient man mit Sell in May mehr als mit Buy and Hold?

Nein. Seit 1950 erzielte Buy-and-Hold im S&P 500 rund 8,05% p.a. (CAGR). Die reine Sell-in-May-Strategie kam auf 6,86% p.a. (Quelle: IncomeShares). Dazu kommen Steuern auf Kursgewinne beim Verkauf und verpasste Dividenden.

Wie oft war der Sommer (Mai–Oktober) wirklich negativ?

Laut FundCalibre-Analyse der letzten 50 Jahre war der Sommer in 38 von 50 Jahren positiv, Durchschnitt +4,25%. Die Strategie schützte also nur in 12 von 50 Jahren vor Verlusten.

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Marco Bozem
Autor Marco Bozem

Unabhängiger Investor & Finanz-Analyst mit Fokus auf Hard Assets, Rohstoffe und Cashflow-Strategien. Gründer von MB Capital Strategies.

Datenquellen & Referenzen

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