Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (Abk. KGV, englisch: Price-Earnings Ratio bzw. P/E) ist die wohl bekannteste Bewertungskennzahl der Aktienanalyse. Es setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie und beantwortet die Frage: Wie viele Jahresgewinne zahle ich aktuell für eine Aktie? Ein KGV von 12 bedeutet vereinfacht, dass der Markt das Zwölffache des aktuellen Jahresgewinns für die Aktie bezahlt. Je niedriger das KGV, desto „günstiger" wirkt eine Aktie auf den ersten Blick – doch genau hier lauert bei zyklischen Branchen wie Mining und Shipping eine gefährliche Falle.
Das KGV ist ein relatives Bewertungsmaß: Es sagt für sich allein wenig aus, wird aber aussagekräftig im Vergleich – mit dem historischen KGV derselben Aktie, mit Wettbewerbern derselben Branche oder mit dem Gesamtmarkt. Genau deshalb ist das KGV für Einsteiger einerseits eine ideale erste Orientierung, andererseits eine der am häufigsten falsch interpretierten Kennzahlen überhaupt.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis wurde maßgeblich durch Benjamin Graham, den Begründer des Value Investing und Lehrer von Warren Buffett, populär. Graham nutzte das KGV in seinem Klassiker „The Intelligent Investor" als zentrales Werkzeug, um über- und unterbewertete Aktien zu identifizieren. Er warnte allerdings ausdrücklich davor, das KGV isoliert zu betrachten – ein Hinweis, der bei Hard-Asset- und Dividendenaktien bis heute entscheidend ist.
KGV berechnen – die Formel
Die Berechnung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses ist denkbar einfach. Es gibt zwei gleichwertige Wege:
KGV Formel (Variante 1 – je Aktie):
KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie (EPS)
KGV Formel (Variante 2 – Gesamtunternehmen):
KGV = Marktkapitalisierung ÷ Jahresüberschuss
Der Gewinn je Aktie (englisch: Earnings per Share, EPS) ergibt sich aus dem Jahresüberschuss geteilt durch die Anzahl der ausstehenden Aktien. Beide Varianten führen zum identischen Ergebnis – die erste ist für Privatanleger meist greifbarer, weil Kurs und EPS direkt aus jedem Aktien-Profil ablesbar sind.
Interpretation: Der Markt zahlt aktuell das Zwölffache des Jahresgewinns. Bei gleichbleibendem Gewinn hätte sich der Kaufpreis rein rechnerisch nach 12 Jahren über die Gewinne „amortisiert".
Was ist ein gutes KGV?
Die wohl häufigste Frage lautet: Welches KGV ist gut? Eine pauschale Antwort gibt es nicht – ein „gutes" KGV hängt entscheidend von der Branche, dem Gewinnwachstum und dem Zinsumfeld ab. Als grobe historische Faustregel gilt:
KGV-Bereich
Einordnung (Faustregel)
Typisch für
unter 10
Optisch günstig – oft Zykliker im Hoch oder Value-Falle
Mining, Shipping, Öl & Gas, Banken
10 – 15
Moderate, oft faire Bewertung
Reife Dividendenwerte, Industrie
15 – 25
Marktdurchschnitt bis leicht teuer
Breiter Markt (S&P 500, DAX)
über 25
Wachstumsprämie eingepreist
Tech, Pharma, Wachstumsaktien
Wichtig: Ein niedriges KGV ist nicht automatisch ein Kaufsignal. Der breite Markt notiert historisch im Schnitt zwischen KGV 15 und 20. Ein KGV von 6 bei einem Minenkonzern kann genauso eine Warnung sein wie eine Chance – entscheidend ist, warum der Markt so wenig zahlt.
Die Zykliker-Falle: Warum das KGV bei Mining & Shipping täuscht
Genau hier wird das KGV für Hard-Asset-Investoren tückisch. Bei stark zyklischen Branchen – Mining, Tanker-Shipping, Upstream-Öl & -Gas – verhält sich das KGV oft gegenläufig zur Intuition:
Im Zyklus-Hoch verdienen Rohstoff- und Shipping-Unternehmen riesige Gewinne. Der Gewinn je Aktie schießt nach oben, das KGV fällt optisch auf 3–6. Die Aktie wirkt spottbillig – obwohl der Zyklus seinen Höhepunkt erreicht hat.
Im Zyklus-Tief brechen die Gewinne ein oder werden negativ. Das KGV explodiert (oder ist gar nicht berechenbar). Die Aktie wirkt extrem teuer – obwohl genau dann oft der antizyklische Einstiegspunkt liegt.
Merksatz für Zykliker: Bei Mining und Shipping gilt das Gegenteil der üblichen Logik – ein tiefes KGV warnt oft vor dem Zyklusende, ein hohes KGV signalisiert häufig die Talsohle. Deshalb arbeiten erfahrene Rohstoffinvestoren bei Zyklikern lieber mit Free Cashflow, Net Debt / EBITDA und dem Substanzwert (NAV) statt mit dem nackten KGV.
Ein anschauliches Beispiel: Ein Tanker-Reeder, der dank hoher Charterraten ein Rekordjahr fährt, kann auf ein KGV von 4 fallen. Wer hier blind „günstig" kauft, übersieht, dass die Spitzengewinne nicht nachhaltig sind – sobald die Raten normalisieren, halbiert sich der Gewinn und das KGV verdoppelt sich, ohne dass sich am Kurs etwas geändert hätte.
Forward-KGV vs. Trailing-KGV
In der Praxis begegnen dir zwei Varianten des Kurs-Gewinn-Verhältnisses, die du nicht verwechseln solltest:
Variante
Berechnungsgrundlage
Vorteil
Schwäche
Trailing-KGV (TTM)
Gewinn der letzten 12 Monate (Ist-Zahlen)
Faktenbasiert, nicht geschätzt
Blickt nur zurück
Forward-KGV
Erwarteter Gewinn der nächsten 12 Monate (Schätzung)
Zukunftsgerichtet
Analysten-Schätzung, fehleranfällig
Für die Bewertung von Wachstumsaktien ist das Forward-KGV oft aussagekräftiger, weil künftige Gewinne entscheidend sind. Bei Zyklikern ist Vorsicht geboten: Analysten extrapolieren in Hochphasen häufig zu optimistisch, was das Forward-KGV künstlich attraktiv erscheinen lässt.
KGV vs. PEG – Wachstum berücksichtigen
Eine wichtige Erweiterung des KGV ist die PEG-Ratio (Price/Earnings-to-Growth). Sie setzt das KGV ins Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum:
PEG-Ratio Formel:
PEG = KGV ÷ erwartetes Gewinnwachstum (in % p.a.)
Eine PEG-Ratio unter 1 gilt nach Peter Lynch als Hinweis auf eine attraktiv bewertete Wachstumsaktie. Ein Unternehmen mit KGV 20, das aber 25 % pro Jahr wächst (PEG 0,8), kann günstiger sein als ein Unternehmen mit KGV 10 und stagnierenden Gewinnen (PEG ist hier nicht sinnvoll berechenbar). Die PEG löst damit eine zentrale Schwäche des reinen KGV: Sie berücksichtigt die Wachstumsdynamik.
KGV und Dividendenstrategie
Für Dividendeninvestoren ist das KGV ein nützlicher, aber nachgeordneter Baustein. Wichtiger als ein niedriges KGV ist die Nachhaltigkeit der Ausschüttung. Eine Aktie mit niedrigem KGV und einer hohen, aber durch Free Cashflow nicht gedeckten Dividende ist gefährlicher als eine Aktie mit etwas höherem KGV und solider Ausschüttungsquote. Deshalb kombiniere ich das KGV in meiner Analyse immer mit:
Ein KGV von 15 bedeutet, dass der Markt das 15-Fache des aktuellen Jahresgewinns für die Aktie bezahlt. Das entspricht ungefähr dem historischen Durchschnitt des breiten Aktienmarktes und gilt als moderate, oft faire Bewertung – sofern die Gewinne stabil sind.
Ist ein niedriges KGV immer gut?
Nein. Ein niedriges KGV kann auf eine günstige Bewertung hindeuten, aber genauso auf strukturelle Probleme, sinkende Gewinne oder – besonders bei Mining und Shipping – auf ein Zyklus-Hoch mit nicht nachhaltigen Spitzengewinnen. Ein tiefes KGV ist immer ein Anlass zur Frage „Warum?", kein automatisches Kaufsignal.
Warum funktioniert das KGV bei Zyklikern nicht?
Bei zyklischen Branchen schwanken die Gewinne extrem. Im Boom steigt der Gewinn stark, das KGV fällt optisch tief – gerade dann ist der Zyklus oft am Hochpunkt. Im Tief brechen die Gewinne ein, das KGV explodiert – obwohl dies oft der antizyklisch günstige Einstieg ist. Deshalb nutzen Rohstoffinvestoren bei Zyklikern eher Free Cashflow, NAV und Net Debt / EBITDA.
Was ist der Unterschied zwischen KGV und KBV?
Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) bewertet die Aktie anhand des Gewinns, das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) anhand des bilanziellen Eigenkapitals (Buchwert je Aktie). Gerade bei substanzstarken Hard-Asset-Unternehmen mit hohem Sachanlagevermögen ist das KBV eine sinnvolle Ergänzung zum KGV.
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